Gesundheitsmythen auf Social Media

Ipamorelin auf Social Media: Warum Gesundheits-Tipps in Reels & Videos riskant sein können

Worum es hier geht: Ich nutze Ipamorelin als Beispiel für Fake News in Social Media Content – auch weil diese Substanz im Dopingrecht erfasst ist und weil Einfuhr/Handel sowie Besitz und Anwendung (insbesondere außerhalb regulierter medizinischer Wege) je nach Fall rechtliche Konsequenzen haben können (vgl. AntiDopG §2 Abs. 3, Anlage zum AntiDopG, DmMV (nicht geringe Menge), Zoll: Arzneimittel-Internetbestellungen, AMG §21 (Zulassungspflicht)).

Gleichzeitig nutze ich Ipamorelin als Beispiel dafür, dass Gesundheits- und „Biohacking“-Content auf Social Media (z. B. Instagram, TikTok, YouTube) ein reales Gefahrenpotenzial haben kann – insbesondere dann, wenn Aussagen überzeugend wirken, aber wichtige Risiken fehlen oder Interessenkonflikte (z. B. Produktverkauf) im Spiel sind.

Social Media kann ein Einstieg ins Thema sein. Für eine informierte Entscheidung braucht es aber Einordnung: Was ist belegt, was ist unklar – und welche Risiken werden (vielleicht) weggelassen?

So ist der Beitrag aufgebaut: Erst kommen die wichtigsten Hintergrundinfos zu Ipamorelin. Danach gehen wir das zweite Beispiel-Video (YouTube) exemplarisch durch, um zu zeigen, wo Social-Media-Content bei Gesundheitsthemen häufig „hakt“ — z. B. bei Details, bei großen Versprechen und bei der Einordnung der Evidenz.

Zwei Beispiele aus der Praxis

Beispiel 1: Instagram-Video

Als erstes Beispiel dient dieses Video: Instagram-Video ansehen. Wenn dort (scheinbar) vor allem Vorteile betont werden, ist das ein guter Anlass, die wissenschaftliche Einordnung sauber nachzulesen und Risiken mitzudenken.

Beispiel 2: YouTube-Video (wird später exemplarisch analysiert)

Als zweites Beispiel dient dieses Video: YouTube-Video ansehen. Es klingt auf den ersten Blick sehr „wissenschaftlich“, weil viele Fachbegriffe fallen. Genau das macht es ideal, um nach den Hintergrundinfos zu prüfen, welche Aussagen tragfähig sind — und wo es hakt.



Evidenz-Check: Wo steht ein Reel oder Video in der Evidenzhierarchie?

Ein Social-Media-Video ist keine Studie. Selbst wenn eine Person sich als „Ärztin/Doktorin“ präsentiert, ersetzt ein Reel keine belastbare Evidenz. Wenn überhaupt, wäre das (in der Logik der Evidenzpyramide) eine sehr niedrig eingestufte Form von Information, weil Methodik, Datenbasis und mögliche Interessenkonflikte oft nicht transparent sind.

Fairness-Hinweis: Ich bewerte hier nicht die Person, sondern die Art der Argumentation im konkreten Video. Der Punkt ist: Selbst wenn Aussagen „wissenschaftlich“ klingen, braucht es Daten, saubere Begriffsverwendung und eine realistische Darstellung von Unsicherheiten, um Nutzen und Risiken seriös einzuordnen.

Kurzüberblick

  • „Nur ein Peptid“ heißt nicht „harmlos“: Peptide können starke biologische Wirkungen haben1.
  • Wachstumshormon wirkt u. a. über IGF-1 und beeinflusst viele Körperprozesse2.
  • Ipamorelin ist ein künstliches Peptid aus der Gruppe der Growth Hormone Secretagogues (GHS)3.
  • Bei GHS werden u. a. mögliche Effekte auf den Zuckerstoffwechsel und das Herz-Kreislauf-System diskutiert4.
  • Unregulierte Online-Produkte können falsch dosiert, verunreinigt oder gefälscht sein56.
  • Selbstinjektionen bergen Infektionsrisiken – unabhängig vom Wirkstoff7.
  • Bei Kindern/Jugendlichen gehören GH/IGF-1-Interventionen in engmaschige ärztliche Betreuung8.
  • Gesundheits-Misinformation verbreitet sich auf Social Media oft sehr effektiv9.

Vorab zur Info

Peptide sind Moleküle, die aus Aminosäuren bestehen1. Viele körpereigene Hormone sind Peptide bzw. bestehen aus Aminosäurenketten (z. B. Insulin, Wachstumshormon)1. Wenn also gesagt wird, etwas sei „nur ein Peptid“, heißt das nicht, dass es keine Wirkung hätte. Viele Peptide wirken im Körper als Hormone oder besitzen hormonähnliche Effekte und können entsprechend starke biologische Wirkungen entfalten.

Wofür ist das Wachstumshormon wichtig?

Das Wachstumshormon wirkt im Körper vor allem, indem es die Produktion des insulinähnlichen Wachstumsfaktors 1 (IGF-1) anregt2. Zusammen beeinflussen Wachstumshormon und IGF-1 fast alle Zellen im Körper: Sie steuern, wie Zellen wachsen, sich erneuern und Energie nutzen2. Daher sind die beiden Hormone sowohl in den Entwicklungsphasen als auch im Erwachsenenalter für das Wachstum und die Aufrechterhaltung der Körperzusammensetzung wesentlich2. Die Freisetzung des Wachstumshormons selbst kann über verschiedene körpereigene Signalwege ausgelöst werden – einer davon läuft über das Hormon Ghrelin3.

Was ist Ipamorelin?

Ipamorelin ist ein künstlich hergestelltes Peptid3. Es gehört zur Gruppe der Growth Hormone Secretagogues (GHS)3. GHS sind Stoffe, die ebenfalls die Freisetzung des Wachstumshormons anregen können, indem sie der Hirnanhangsdrüse den Impuls geben, Wachstumshormon auszuschütten3. Ipamorelin und andere GHS ahmen dabei das körpereigene Hormon Ghrelin nach und binden an denselben Rezeptor3. Wird dieser Rezeptor durch Ghrelin oder Ipamorelin aktiviert, löst das das Signal zur Freisetzung von Wachstumshormon aus3. Entwickelt wurden GHS ursprünglich, um Menschen mit bestimmten Beeinträchtigungen oder Funktionsstörungen zu unterstützen3.

Wichtig für die Einordnung – Was sagt die Forschung zu Ipamorelin?

Tierstudien (z. B. an Schweinen) zeigen zwar, dass Ipamorelin die Ausschüttung des Wachstumshormons tatsächlich erhöhen kann; dennoch wurde Ipamorelin in der klinischen Forschung offenbar nicht primär in Bezug auf „Wachstumstherapie“ oder Muskelaufbau bzw. -regeneration untersucht, sondern eher im Zusammenhang mit Magen-Darm-Störungen (z. B. nach Operationen), insbesondere bei Darmverschluss3. Schau dir dazu bitte Abbildung 1 an. Abbildung 1 zeigt unterschiedliche GHS und deren vorgesehene Anwendungsgebiete bei bestimmten Funktionsstörungen.



Abbildung 1: Übersicht über Growth Hormone Secretagogues (GHS) und ihre vorgesehenen Anwendungsgebiete
Abbildung 1. Die Farben zeigen, wofür die Stoffe entwickelt wurden: Blau für eine abnorme Körperzusammensetzung, Rot für Wachstumsstörungen und Gelb für Funktionsstörungen des Verdauungstrakts3.

Wie sicher sind GHS?

Auch wenn Ipamorelin und andere GHS auf gewissen sozialen Kanälen möglicherweise eher positiv dargestellt werden, zeichnen wissenschaftliche Untersuchungen ein etwas differenzierteres Bild. In Untersuchungen zu verschiedenen GHS – also Stoffen, die ähnlich wirken wie Ipamorelin – wurden neben möglichen Effekten auf die Wachstumshormonproduktion auch mögliche Belastungen für den Körper beobachtet. Dazu gehören vor allem Veränderungen im Zuckerstoffwechsel4:

  • Einige GHS können möglicherweise die Insulinempfindlichkeit reduzieren. Das bedeutet, dass die Körperzellen schlechter auf Insulin reagieren und der Blutzucker dadurch leichter ansteigen kann.

Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass GHS das Herz-Kreislauf-System belasten können. Beobachtet wurden4:

  • Herzschwäche (Herzinsuffizienz)
  • Wassereinlagerungen, die das Herz zusätzlich belasten können

Diese Effekte wurden zwar nicht direkt bei Ipamorelin untersucht, zeigen aber, dass diese Stoffgruppe der GHS generell nicht unbedingt nebenwirkungsfrei ist. Für Ipamorelin selbst gibt es anscheinend kaum Langzeitdaten. Ishida, et al.3 berichten, dass Ipamorelin für den medizinischen Zweck, für den es ursprünglich entwickelt wurde (siehe Abb. 1), keinen klaren Nutzen gezeigt hat und deshalb offenbar nicht weiter erforscht wurde. Wenn ein Stoff nicht weiterentwickelt wird, entstehen automatisch auch keine Daten darüber, wie er sich bei längerer Einnahme auswirkt.

Warum das Spritzen von „Peptiden/Hormonen aus dem Internet“ riskant ist

1) Bei Online-Produkten ist nicht sicher, was wirklich drin ist
  • Breindahl, et al. untersuchten Injektionsfläschchen aus Online-Shops: Die tatsächliche Wirkstoffmenge wich deutlich ab, außerdem fanden sich unbekannte Verunreinigungen. Solche Produkte entstehen außerhalb von Qualitätskontrollen5.
  • Magnolini, et al. analysierten über 5.400 Schwarzmarkt-Produkte: 36 % waren gefälscht und 37 % substandard (z. B. falsch dosiert) – insgesamt also >70 % nicht wie deklariert6.
2) Das Spritzen selbst bringt Risiken – egal, was gespritzt wird

Selbstinjektionen können Infektionen begünstigen, insbesondere wenn nicht fachgerecht injiziert wird7.

3) Bei Kindern/Jugendlichen*

Leitlinien betonen, dass Wachstumshormon- bzw. IGF-1-bezogene Behandlungen bei Kindern und Jugendlichen komplexe Diagnostik, Dosierung und Verlaufskontrollen erfordern (z. B. Hormontests, IGF-1-Kontrollen, Nebenwirkungsmonitoring) und daher in ärztliche Hände gehören8.

*man muss offenbar nicht tatsächlich volljährig sein, um über das Internet an Substanzen zu kommen.

Warum Infos aus Social Media hier besonders unzuverlässig sind

Eine größere Übersichtsarbeit von Wang, et al. zeigt, dass sich Gesundheits-Falschinformationen auf Social Media viel schneller und weiter verbreiten als korrekte Inhalte9. Das liegt daran, dass Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube vor allem das pushen, was emotional, schockierend oder „spannend“ wirkt, nicht das, was stimmt. Falschinfos bekommen dadurch oft mehr Likes, Shares und Reichweite als sachliche Beiträge. Außerdem ist es online schwer zu erkennen, wer hinter einem Post steckt: Manche teilen Dinge aus Unwissen, andere bewusst, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Das Ergebnis ist, dass Nutzer dort extrem viele widersprüchliche oder komplett falsche Aussagen zu Gesundheitsthemen sehen.

Gerade weil Social-Media-Beiträge häufig nur die positiven Seiten bestimmter Produkte zeigen, Risiken selten erwähnt werden, Fachwissen fehlt oder wirtschaftliche Interessen hinter Produktplatzierungen stehen, ist es wichtig, solche Stoffe kritisch zu betrachten. Eine informierte Entscheidung bedeutet immer, sowohl mögliche Vorteile als auch die offenen Fragen und Unsicherheiten zu kennen.

Warum dieses YouTube-Video ein gutes Fallbeispiel ist

Die folgenden Abschnitte (Noise/Details, große Gesundheitsversprechen, Nebenwirkungen, Knochenmineraldichte) sind Muster, die grundsätzlich in vielen Social-Media-Beiträgen vorkommen. In diesem Fall ist der Bezug aber konkret: Im genannten YouTube-Video tauchen diese Muster gebündelt auf – deshalb eignet es sich als anschauliches Beispiel, wie „wissenschaftlich klingende“ Aussagen ohne saubere Evidenz-Einordnung wirken können.

Im YouTube-Video sichtbar: „Noise“ aus Fachbegriffen – und warum Details entscheidend sind

"Noise" beschreibt hier ein Grundrauschen an "Fachbegriffen" oder Ähnlichem, was "Fachwissen" suggeriert. Im genannten YouTube-Video wirkt vieles auf den ersten Blick „fundiert“, weil zahlreiche Fachbegriffe und Mechanismen genannt werden. Genau das ist ein typisches Risiko: Fachsprache kann Kompetenz signalisieren – selbst dann, wenn zentrale Details ungenau, vermischt oder schlicht falsch sind. Ein großes Problem dabei ist, dass viele Zuschauer dieses YouTuve-Videos das "Fachwissen" des Protagonisten schätzen - das trägt dazu bei, dass "Fake News" weiterverbreitet werden.

Konkretes Detail aus dem Video (Beispiel)

Im Video werden beim (angeblichen) Wirkort bzw. bei den beteiligten Strukturen von Ipamorelin Hypothalamus und Hypophyse durcheinandergebracht bzw. vermischt. Das klingt im Fluss der Fachbegriffe plausibel, ist aber genau so ein Detail, das zeigt: Um Aussagen einordnen zu können, braucht man Grundwissen über die beteiligten Prozesse – und muss auf präzise Zuordnung achten.

Praktische Leitfragen, um im konkreten Video „Noise“ zu reduzieren

  • Was ist die Kernaussage des Videos? (In 1 Satz zusammenfassen – wenn das nicht geht, ist oft viel „Noise“ dabei.)
  • Welche Begriffe sind entscheidend? (z. B. Organ/Struktur, Rezeptor, Signalweg, Zielgewebe.)
  • Werden Strukturen sauber getrennt? (z. B. Hypothalamus vs. Hypophyse – nicht nur „irgendwas im Gehirn“.)
  • Gibt es belastbare Belege? (Studien/Leitlinien statt reiner Behauptung.)
  • Werden Grenzen/Unsicherheiten genannt? (fehlende Langzeitdaten, Nebenwirkungen, Evidenzlücken.)

Das ist nicht „Erbsenzählerei“: Gerade bei potenziell riskanten Themen (Injektionen, Hormone/Peptide, Online-Produkte) entscheidet die Präzision in Details darüber, ob eine Aussage seriös ist oder nur gut klingt.

Was dieses YouTube-Video konkret zeigt: mehrere typische "Fake News"-Muster auf einmal

Im genannten YouTube-Video lassen sich mehrere Muster erkennen, die in der Kombination besonders überzeugend wirken können:

  • Noise durch Fachbegriffe + Detailfehler: Fachsprache erzeugt Kompetenz-Eindruck, aber Details werden vermischt (z. B. Hypothalamus vs. Hypophyse).
  • Große Gesundheitsversprechen: Aussagen zu Herz/Kreislauf/Niere werden mit plausibel klingenden Mechanismen begründet („Regeneration“).
  • „Nebenwirkungen so gut wie keine“: Sehr starke Sicherheitsbehauptung trotz begrenzter Datenlage.
  • Knochenmineraldichte: Behaupteter Nutzen, der eher aus allgemeinen Wachstumshormon-/IGF-1-Effekten abgeleitet wird, als aus belastbaren Ipamorelin-Daten.

Die nächsten Abschnitte sind deshalb als konkrete Einordnung dieses Videos gedacht – nicht nur als allgemeine Social-Media-Kritik.

Im YouTube-Video behauptet: Das Fortschreiten von Erkrankungen von Herz/Kreislauf/Niere lassen sich mit Ipamorelin „aufhalten“ – warum das fraglich ist

Im genannten YouTube-Video wird sinngemäß gesagt, Ipamorelin könne das Fortschreiten von Herz-Kreislauf-Erkrankungen beeinflussen bzw. aufhalten (z. B. Bluthochdruck, „beschädigtes Herz“, „beschädigte Niere“). Solche Aussagen klingen plausibel, wenn sie mit Begriffen wie „Zellregeneration“ und „Reparaturprozesse“ verknüpft werden.

Warum diese Schlussfolgerung aus wissenschaftlicher Sicht nicht sauber abgesichert ist
  • Sehr begrenzte direkte Daten zu Ipamorelin: Die klinische Entwicklung von Ipamorelin ist insgesamt überschaubar; daraus ergibt sich keine breite, robuste Datenbasis für große therapeutische Aussagen bei Herz/Kreislauf oder Niere3.
  • GHS als Gruppe: widersprüchlich/risikobehaftet: Für Growth Hormone Secretagogues werden neben möglichen Effekten auch potenzielle Belastungen beschrieben, u. a. im Herz-Kreislauf-System (z. B. Wassereinlagerungen, Hinweise auf Herzinsuffizienz)4.
  • Vermischung von Ebenen: Allgemeine Effekte der GH/IGF-1-Achse (z. B. Wachstum/Erneuerung) werden im Video sinngemäß direkt Ipamorelin zugeschrieben. Ipamorelin ist jedoch ein Sekretagog (Stimulation der GH-Freisetzung) – daraus folgt nicht automatisch ein klinischer Nutzen bei komplexen Erkrankungen wie Hypertonie oder Organschäden23.

Gerade bei großen Gesundheitsversprechen gilt: Ohne klare Studiendaten (Population, Dosierung, Endpunkte, Nebenwirkungen) ist eine solche Aussage nicht belastbar.

Im YouTube-Video wird behauptet: „Nebenwirkungen von Ipamorelin so gut wie keine“ – warum man das nicht sagen kann

Im genannten YouTube-Video wird sinngemäß gesagt, Ipamorelin habe „so gut wie keine“ Nebenwirkungen. Das klingt beruhigend – ist wissenschaftlich aber problematisch, wenn die Datenlage begrenzt ist.

Was man aus wissenschaftlicher Sicht seriös sagen kann
  • Begrenzte Datenlage = Unsicherheit, nicht Entwarnung: Wenn eine Substanz nicht breit weiterentwickelt wurde, entstehen automatisch weniger Daten zu Langzeiteffekten und seltenen Nebenwirkungen. Daraus kann man keine starke „Nebenwirkungsfreiheit“ ableiten3.
  • Klassen-Effekte sind nicht automatisch „harmlos“: Für GHS als Stoffgruppe werden potenzielle Risiken diskutiert, u. a. Effekte auf den Zuckerstoffwechsel (z. B. Insulinsensitivität) und Hinweise auf Belastungen des Herz-Kreislauf-Systems4.

Eine evidenzbasierte Formulierung wäre deshalb eher: „Die Datenlage ist begrenzt; Nebenwirkungen und Langzeitrisiken sind nicht ausreichend geklärt.“

Im YouTube-Video wird behauptet: "Höhere Knochenmineraldichte durch Ipamorelin" – warum das so nicht gesichert ist

Im genannten YouTube-Video wird sinngemäß behauptet, Ipamorelin könne die Knochenmineraldichte erhöhen. Das klingt plausibel, weil die GH/IGF-1-Achse grundsätzlich an Wachstums- und Umbauprozessen beteiligt ist2. Genau hier passiert aber oft eine Vermischung: Aus allgemeinen physiologischen Effekten des Wachstumshormons wird vorschnell ein klinisch belegter Nutzen einer einzelnen Substanz abgeleitet.

Warum diese Ableitung aus dem Video heraus nicht sauber begründbar ist
  • Direkte Ipamorelin-Daten sind begrenzt: Die klinische Forschung zu Ipamorelin ist insgesamt überschaubar und liefert keine breite, robuste Basis für starke Aussagen zu Endpunkten wie Knochenmineraldichte3.
  • Mechanismus ≠ klinischer Endpunkt: Selbst wenn ein Wirkmechanismus theoretisch plausibel ist (z. B. über GH/IGF-1), heißt das nicht automatisch, dass sich messbare, klinisch relevante Veränderungen (wie BMD) zuverlässig einstellen23.
  • GHS als Gruppe: nicht 1:1 übertragbar: Ergebnisse aus anderen GHS oder allgemeinen GH-Kontexten lassen sich nicht sauber auf Ipamorelin übertragen. Zudem werden für GHS neben potenziellen Effekten auch Risiken und widersprüchliche Signale diskutiert, was eine besonders vorsichtige Interpretation erfordert4.

Eine evidenzbasierte Formulierung wäre deshalb eher: „Für Ipamorelin sind belastbare Aussagen zur Knochenmineraldichte auf Basis der derzeitigen Datenlage nicht möglich.“

Typische Vermischung in Social Media

  • Wachstumshormon (GH) / IGF-1: beschreibt allgemeine physiologische Effekte im Körper2.
  • GHS (Stoffgruppe): Sekretagoga, die GH-Freisetzung stimulieren können; Evidenz und Sicherheit sind je nach Substanz unterschiedlich und teils widersprüchlich34.
  • Ipamorelin (Einzelsubstanz): hat eine begrenzte, nicht breit ausgebaute klinische Datenlage – daraus lassen sich keine großen, sicheren Aussagen zu Endpunkten wie Knochenmineraldichte ableiten3.

Praktische Checkliste: So prüfst du Gesundheits-Posts auf Social Media

  • Wird klar zwischen Studienlage und Meinung/Erfahrung unterschieden?
  • Gibt es konkrete Quellen (Peer-Review, Leitlinien) – oder nur Behauptungen?
  • Werden Risiken, Nebenwirkungen und Unsicherheiten genannt – oder nur Vorteile?
  • Gibt es mögliche Interessenkonflikte (z. B. Rabattcode, Verkauf, Affiliate)?
  • Geht es um High-Risk-Themen (Injektionen, Hormone, Medikamente)? Dann muss die Evidenz-Schwelle besonders hoch sein.
  • Wenn du unsicher bist: Sprich mit qualifiziertem medizinischem Fachpersonal.

Fazit

Ipamorelin ist ein Beispiel dafür, wie schnell auf Social Media aus einem komplexen, medizinisch sensiblen Thema eine scheinbar einfache Empfehlung werden kann. Die wissenschaftliche Literatur zeigt: GHS sind eine pharmakologisch aktive Stoffgruppe, für die potenzielle Risiken beschrieben sind, und für Ipamorelin liegen nur begrenzte klinische Langzeitdaten vor34. Zusätzliche Risiken entstehen, wenn Produkte außerhalb regulierter Qualitätskontrollen bezogen und anschließend selbst injiziert werden567. Da sich Gesundheits-Falschinformationen online effizient verbreiten können9, ist es sinnvoll, Social-Media-Content höchstens als Startpunkt zu sehen – und Entscheidungen auf verlässlicher Evidenz, transparenter Risiko-Nutzen-Abwägung und professioneller Beratung aufzubauen.



Hinweis: Dieser Beitrag dient der Information und ersetzt keine medizinische Beratung.

Referenzen

  1. Coassolo, L., Wiggenhorn, A. & Svensson, K. J. Understanding peptide hormones: from precursor proteins to bioactive molecules. Trends Biochem Sci 50, 481-494 (2025). doi: 10.1016/j.tibs.2025.03.014
  2. Asa, S. L. & Ezzat, S. An Update on Pituitary Neuroendocrine Tumors Leading to Acromegaly and Gigantism. J Clin Med 10 (2021). doi: 10.3390/jcm10112254
  3. Ishida, J. et al. Growth hormone secretagogues: history, mechanism of action, and clinical development. JCSM Rapid Communications 3, 25-37 (2020). doi: 10.1002/rco2.9
  4. Sigalos, J. T. & Pastuszak, A. W. The Safety and Efficacy of Growth Hormone Secretagogues. Sex Med Rev 6, 45-53 (2018). doi: 10.1016/j.sxmr.2017.02.004
  5. Breindahl, T. et al. Identification and characterization by LC-UV-MS/MS of melanotan II skin-tanning products sold illegally on the Internet. Drug Test Anal 7, 164-172 (2015). doi: 10.1002/dta.1655
  6. Magnolini, R., Falcato, L., Cremonesi, A., Schori, D. & Bruggmann, P. Fake anabolic androgenic steroids on the black market - a systematic review and meta-analysis on qualitative and quantitative analytical results found within the literature. BMC Public Health 22, 1371 (2022). doi: 10.1186/s12889-022-13734-4
  7. Brennan, R., Wells, J. S. G. & Van Hout, M. C. The injecting use of image and performance-enhancing drugs (IPED) in the general population: a systematic review. Health Soc Care Community 25, 1459-1531 (2017). doi: 10.1111/hsc.12326
  8. Grimberg, A. et al. Guidelines for Growth Hormone and Insulin-Like Growth Factor-I Treatment in Children and Adolescents: Growth Hormone Deficiency, Idiopathic Short Stature, and Primary Insulin-Like Growth Factor-I Deficiency. Horm Res Paediatr 86, 361-397 (2016). doi: 10.1159/000452150
  9. Wang, Y., McKee, M., Torbica, A. & Stuckler, D. Systematic Literature Review on the Spread of Health-related Misinformation on Social Media. Soc Sci Med 240, 112552 (2019). doi: 10.1016/j.socscimed.2019.112552

Bleib up to date

*erforderliches Feld

😎🔬 Frische Wissenschaft direkt zu Dir – Entdecke jeden Monat persönlich ausgewählte Erkenntnisse aus Sportwissenschaft, Sportmedizin, Ernährung oder verwandten Themengebieten. Du bekommst die neuesten wissenschaftlichen Artikel vor allen anderen, jeweils präsentiert als Zusammenfassung.

📬 Deine monatliche Dosis – Erhalte monatliche Erinnerungen zu unterschiedlichen Beiträgen.

Informationen zum Anmeldeverfahren, Versanddienstleister, statistischer Auswertung und Widerruf findest du in meinen Datenschutzbestimmungen

Um den Newsletter und die Beitragsbenachrichtigung für dich interessant zu gestalten, erfasse ich statistisch welche Links die Nutzer in dem Newsletter bzw. der Beitragsbenachrichtigung geklickt haben. Mit der Anmeldung erklärst du dich mit dieser statistischen Erfassung einverstanden.

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Nach oben scrollen